ANACHRONISMUS ISRAEL

Der Traum des Zionismus und der jüdischen Diaspora von Israel als demokratischem Staat der Juden in biblischen Grenzen ist zur tragischen Utopie geworden, die Juden und Nicht - Juden mit atomarem Untergang bedroht. Israel ist militärtaktisch ein One - Bomb - Country, ein Land, das mit nur einer Atombombe ausgelöscht werden kann und sich entsprechend zu wehren sucht. Eine fast ausweglose Situation.

Juden haben vielfach im Umsturz der herrschenden Verhältnisse versucht, ihrer Diskriminierung und Verfolgung seit Zeiten der Vertreibung durch römische Kolonialherren zu entgehen. Alle großen Umwälzungen der Neuzeit, ob amerikanische, französische oder russische Revolution, sahen Juden an forderster Front einer sich gegen Hergebrachtes aufbäumenden Moderne. Inzwischen sind sie selber zur tragenden Säule von kolonialen Verhältnissen geworden, denen heute weltweit der Umsturz droht.

Hatten französische und russische Revolution das vergebliche Ziel, das Joch der Ausbeutung abzuwerfen, war das Besondere der amerikanischen Revolution, daß koloniale Ausbeuter ihren monarchischen Kolonialherren durch eine Republik ersetzten. Sie verblieben Ausbeuter und teilten sich nunmehr die Früchte nach demokratischen Spielregeln. Das uralte Prinzip kolonialer Ausplünderung, Unterlegene abzuschlachten und deren Überlebende versklavend zu enteignen, blieb unangetastet. Wie beim antiken Athener Vorbild beschränkte sich demokratische Freiheit auf die Freiheit von Gleichen zur Ausbeutung von Ungleichen. Das bekamen indianische Ureinwohner ebenso wie nach Amerika verschleppte Sklaven auch weiterhin zu spüren. Die Welt konnte sich ein ähnliches Bild machen, als die Vereinigten Staaten ihre Einflußgrenzen mit roher Gewalt nicht nur bis zur amerikanischen Pazifikküste sondern spanisches und britisches Kolonialreich beerbend auf die ganze Welt ausdehnten. Auch die neue Amerikanische Freiheit blieb dem alten britischen Kolonialgrundsatz verpflichtet : The Winner takes it all.

Eingewanderte jüdische Nord-Amerikaner verhielten sich dabei nicht anders als eingewanderte nicht-jüdische Nord-Amerikaner. Beide stiegen im Aufstieg der neuen Kolonialmacht auf, wobei besonders Erfolgreiche wie in jeder Gesellschaft bemüht waren, den gewonnenen Einfluß und Reichtum dynastisch zu verewigen. Den jüdischen Dynastien kam zusätzlich der Vorteil zu Gute, einer rassisch und religiös gegen Infiltration und Verwässerung geschützten Gemeinschaft mit belastbaren Beziehungen gleicher Volksangehöriger in aller Welt anzugehören. Auf die Diaspora war Verlaß. Wer seine Seilschaften zu nutzen verstand, brauchte sich um wachsenden Einfluß nicht zu sorgen.

Wachsender Einfluß stößt bei Neidern ebenso wie bei Betroffenen auf wachsenden Widerstand. Der Versuch des Deutschen Kaiserreiches, ebenfalls am gedeckten Tisch monarchischer kolonialer Ausbeutung der Welt Platz zu nehmen, scheiterte im Ersten Weltkrieg nicht zuletzt am auch von amerikanischen Juden geförderten und geforderten Kriegseintritt der im Kolonialismus rivalisierenden Vereinigten Staaten. Die nachfolgende Weimarer Republik wurde in den Bedingungen der Niederlage von einer großen Mehrheit der Deutschen als kolonialisierende Demütigung empfunden. Der nationalistische Aufschrei kanalisierte sich im Nationalsozialismus Adolf Hitlers, der seinerseits jüdischem Kolonialisierungseinfluß in der Welt mit arischer Kolonialisierung entgegen wirken wollte. Sein Zvilisationsbruch nach dem erneut maßgeblich von amerikanischen Juden geforderten Kriegseintritt Roosevelts bestand mit dem Holocaust darin, nicht nur bisherige Kolonialherren zu verdrängen, sondern einen Teil von ihnen dem Untermenschentum preiszugeben, das Kolonialisierung bis dahin nur den Kolonilalsierungsopfern zugedacht hatte.

Im heutigen Israel bündeln sich Entwicklungen des Judentums wie in einem Brennglas. Nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg sicherte sich Großbritannien das Mandat über Palästina. Die von Herzel erträumte friedliche jüdische Wiederbesiedlung biblischen Landes in einem für Juden und Araber segensreichen Staat nahm dort zunächst mit gezieltem Landkauf und später im brutalem Terror gegen die Mandatsmacht ihren Lauf. !948 kam es gegen britischen und arabischen Widerstand zur jüdischen Staatsgründung.

Der Anspruch des Zionismus auf einen jüdischen Staat traf dabei auf einen gleich gerichteten Ruf der Überlebenden des Holocaust nach Sicherheit vor Verfolgung in einer eigenen Heimstatt. Beides fand besondere Unterstützung durch die mächtige jüdischen Diaspora in den Vereinigten Staaten, die sich den Vorwurf gefallen lassen mußte, in Verfolgung eigener machtpolitischer Ziele 1938 Hitlers Angebot einer Auswanderung der deutschen Juden abgelehnt zu haben und seit Einsetzen der systematischen Judenvernichtung im Jahre 1942 trotz drückender anglo-amerikanischer Luftüberlegenheit nichts unternommen zu haben, Auschwitz zumindest zu erschweren. Dafür gelang es in der Folge, den Holocaust nach Vorbild des christlichen Kreuzes zum Fanal eigener Unbezwingbarkeit zu stilisieren. Wenn jüdische Nuklear Strategen wie der Amerikaner Kahn Collateralschäden einer von Juden erdachten atomaren Bewaffnung mit 52 Millionen im sowjetischen Erstschlag unterstellten amerikanischen zivilen Opfern bei anschließendem erfolgreichen amerikanischen Gegenschlag in gleicher Größenordnung billigend rechtfertigten, braucht nicht zu wundern, wenn für den Sieg über Hitler auch dessen Vernichtung der europäischen Juden als Collateralschaden in Kauf genommen wurde. Die Schuld der Deutschen am Völkermord an den europäischen Juden konnte sich nach verlorenem Zweiten Weltkrieg im westlich besetzten Teil in dem zwischen Adenauer und Ben Gurion getroffenen Zweckbündnis "Israelisches Überleben für deutsches Überleben" sublimieren, während der sowjetisch besetzte Osten sich jeglicher Wiedergutmachung gegenüber dem als kapitalitisch und kommunistenfeindlich eingestuften Israel enthielt.

Nach bewährtem amerikanischen demokratischen Muster organisierte sich der israelische Staat als säkulare Demokratie mit Minderheitenschutz. Bis heute dokumentiert sich das in jüdischer oder arabischer Volkszugehörigkeit unter gemeinsamer israelischer Staatsangehörigkeit. Der militärische Versuch der arabischen Welt, Israel 1967 wieder von der Landkarte verschwinden zu lassen, endete in einer empfindlichen Niederlage und der Vertreibung von Millionen von Palästinensern aus von Israel 1967 besetztem Gebiet. Israel seinerseits fühlte sich durch die erneute Bedrohung seiner Juden in seinem Anstrengungen bestärkt, seine militärische Überlegenheit bis hin zum Besitz von atomaren Abschreckungswaffen auszubauen und gegnerische Bemühungen mit allen Mitteln bis hin zum staatlich sanktionierten Lynchmord im Keime zu ersticken. Aus dem Ideal zionistischer Kooperation war die Realität beiderseits unversöhnlicher Konfrontation geworden.

Ein Staat, der die aus dem Holocaust zu ziehenden Lehren systematisch verkennt und mit Lug, Trug, Täuschung und Mord bis hin zum Schüren von Angst durch Erpressung, Menschen vernichtender Abschreckung und in sorgsam geplanter Provokation vorbereiteten Präventivschlägen grotesk in ihr Gegenteil verwandelt, um einen neuen Holocaust zu verhindern, wird selber zum Hort des Bösen, das zu bekämpfen er vorgibt. Ein Staat, der schon vor seiner Gründung zum Mittel der Liquidierung von Gegnern griff und dies rechtsstaat- und völkerrechtswidrig bis heute in diktatorischer Selbstgerechtigkeit seiner Staatsführer tut, entzieht sich selbst den Boden, von dem sich provozierter Gegenterror verurteilen ließe. Exponenten dieser Lynchjustitz konnten wie Ben Gurion zum Staatsgründer oder Ehud Barak zum Ministerpräsidenten mit angemaßtem Recht über Leben und Tod außerhalb jeglicher Gerichtsbarkeit aufsteigen. Sie setzten ein für den demokratischen Rechtsstaat unseliges Exempel, das mit Geheimdienst Karrieren bis in die Spitzen des Staates später auch in Washington und Moskau Schule machen sollte. Lauernde Hinterlist und unüberwindbares Mißtrauen wurden in immer größerer Diskrepanz zwischen offiziell verlautbarter Politik und heimlichen Zielen zur zweifelhaften treibenden Kraft politischen Erfolges.

Das Auge um Auge, Zahn um Zahn einer archaischen Blutrache sowie der nicht weniger archaische Grundsatz, nicht zu vergessen und nicht zu vergeben, haben keinen Platz in einer demokratischen Werten des Rechtsstaates verpflichteten Vökergemeinschaft. Sie werden zusehends zu einer tödlichen Bedrohung des Weltfriedens und wenden sich gegen ihre Verursacher, denen abwehrende Vernichtung droht. Ein immer größer werdender Teil der Menschheit empfindet Israel und die mit ihm unter starker jüdischer Prägung verbündeten Vereinigten Staaten als die eigentliche Achse des Bösen, die es künftig im Zaum zu halten gilt.

Der Anachronismus eines angestrebten Staates der Juden in biblischen Grenzen erwächst aus dem Widerspruch zwischen Minderheitsstatus der Juden in der Diaspora und dem angestrebten Mehrheitsstatus der Juden in Israel . Die Juden der Diaspora bedürfen des Minderheiten-Schutzes einer säkularen Demokratie, wenn sie vor religiöser oder rassischer Verfolgung geschützt ihren in den USA und den westlichen Demokratien enorm gewachsenen Einfluß bewahren und ausbauen wollen, der gleichzeitig Israel finanziell und militärisch in einem feindlich gesonnen Umfeld entscheidend schützt. Das gleiche Demokratieverständnis aber hindert die Juden in Israel, ihr Verständnis vom Staat der Juden umzusetzen : ethnische Säuberungen im Stil des Nationalsozialismus müssen für einen nationalen Zionismus offiziell Tabu bleiben, wenn Juden in der Diaspora vor ethnischen Säuberungen bewahrt werden wollen. Die Problematik der palästinensischen Flüchtlinge und die täglichen Drangsale, denen die verbliebenen Palästinerser provokativ ausgesetzt werden, sind allerdings wie der rücksichtslose Ausbau des Schutzwalles für widerrechtliche jüdische Siedlungen beredtes Zeugnis für eine Politik der faktischen ethnischen Säuberung in zielstrebigen, kleinen Schritten.

Aber selbst in Kern-Israel steht die Aufrechterhaltung einer demokratischen jüdischen Mehrheit im Hinblick auf das beträchtliche demographische Wachstum der israelischen Araber in Frage. Ein faktisches Apartheit Regime der in die Minderheit geratenden Juden wäre zwar nach dem Beispiel der heutigen israelischen Dreiklassengesellschaft aus Westjuden, Ostjuden und Arabern denkbar, aber in Zeiten weltweiter Demokratiebestrebungen wohl kaum auf Dauer zu rechtfertigen. Der Gedanke an einen jüdischen Gottesstaat ist ebenso wie ein rassisch definierter jüdischer Volksstaat zur Lösung des Dilemmas abwegig, da er am israelischen Beispiel religöse oder völkische Ausgrenzung demonstrieren würde, die man andernorts aus gutem Grund als verdammungswürdig brandmarkt. Der von Sharon zur besseren militärischen Verteidigung anberaumte Rückzug aus besetztem Gebiet löst keine der anstehenden Problematiken der israelischen Juden und verabschiedet sich darüber hinaus faktisch ebenso wie die viel beschworene Zweistaaten-Lösung vom angestrebten Israel in biblischen Grenzen.

Ein jüdisch ausgerichteter Staat in biblischen Grenzen stünde im krassen Widerspruch zum Zeitgeist einer unser heutiges Demokratieverständnis prägenden jüdischen Moderne. Die predigt Unantastbarkeit individueller Menschenrechte und sucht den Einzelnen aus traditionellen Bindungen in Familie, Religion und Volk zu lösen., die sie als reaktionär-nationalistischen Rassismus verteufelt. Das bietet einerseits Minderheiten-Schutz vor eigener Diskriminierung. Andererseits vereinzelt es die übrige Menschheit zu machtlos austauschbaren Konsum-Sklaven, die ein die Welt kolonial beherrscheder Kapital-Feudalismus in Perversion von Demokratie mit gewaltbereiter Demokratisierung seinen selbstsüchtigem Eigeninteresse unterwirft. Wie sollte Israel da das offensichtliche Gegenteil verkörpern können ?

Arabische und israelische Positionen stehen sich in und um Israel beispielgebend für einen weltweiten Bruch der Kulturen unversöhnlich gegenüber. Die einen pochen auf den Islam zur Wiedererrichtung eines untergegangenen, gedemütigten Weltreiches, die anderen auf Demokratisierung zur Aufrechterhaltung des eigenen Einflusses in der Welt. Beide Seiten verweisen zu Recht auf ihre geschichtlichen Bindungen an das von beiden beanspruchte Land.

Europa, ein gebrandmarktes Opfer kriegerischer Umversöhnlichkeit im Kampf um koloniale Vorherrschaft hat inzwischen gelernt, von Konfrontation auf Kooperation zu setzen und den blutgetränkten europäischen Boden in einer Staaten-Gemeinschaft freizügig und faktisch grenzenlos zur geschichtlichen Heimat aller Europäer werden zu lassen.

Wir sollten Juden und Palästinenser zukunftsweisend ermuntern, diese Erfahrung ohne den traumatischen Zwischenschritt wechselseitiger Vernichtung für sich zu nutzen. Sie müßten sich dazu unter Aufgabe der tödlichen Utopie vom jüdischen Israel entschließen, ganz Palästina zu ihrer gemeinsamen Heimat zu machen. Der notwendige Schritt von Konfrontation zu Kooperation setzt die beiderseitige Entwaffnung und viel Geduld für das Wiedererwecken von Vertrauen im Verzicht auf militante Dominanz voraus.

Für die Vereinigten Staaten und die NATO böte sich eine enorme Zukunftschance, in der Rolle einer langfristig engagierten Schutzmacht einer jüdisch - palästinensischen Konföderation nach schweizer Vorbild zur wirksamen Entschärfung dieses Weltkonfliktes glaubwürdig vom Neo-Kolonialismus zum globalen Füreinander in der Welt umzuschwenken. Neben dem Verhindern eines drohenden nah-östlichen Holocaust wäre auch das bedrohte eigene Überleben in den sich anbahnenden Konflikten mit aufstrebenden asiatischen Weltmächten in praktizierter gegenseitiger Rücksichtnahme friedlich gesichert.

 
 
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