GRENZEN DER FREIHEIT
Das Menschenrecht auf Ich kann nicht ohne eine Menschenpflicht zum Wir gedeihen.
 

 

 
Jeder Mensch möchte sein Leben frei gestalten, machen können, was er will, keinen Zwängen unterliegen und nichts erdulden müssen. Von jedem künftig geborenen Menschen darf erwartet werden, daß er sich das Gleiche wünscht.

Gäbe es nur einen Menschen auf der Welt, würde der sich höchst möglicher Freiheit des Denkens, Redens und Handelns erfreuen und könnte zur Durchsetzung seiner Wünsche auf jegliche Macht über andere Menschen verzichten. Der Preis wäre Einsamkeit, unsicheres Überleben in einer feindlichen Umwelt und die Sicherheit, daß seine Art mit seinem persönlichen Tod ausstirbt.

 
Gelänge es ihm, Unsterblichkeit und Allwissen zu erlangen, ließe er Lebensbedrohung und Tod hinter sich und wäre in seiner Allmacht Gott gleich geworden. Diesen Menschheitstraum verweisen Religionen ins Jenseits und setzen im Wissen um Sterblichkeit statt auf Freiheits- und Wissensdrang eher auf Glaubensstärke. Fortschritts-Apostel hindert das nicht, den Traum der Gottgleichheit weiter zu träumen.
 
Um als Sterblicher zumindest das Aussterben seiner Art zu vermeiden, wäre ein zweiter Mensch mit unterschiedlichem Geschlecht von Nöten, der mit ihm Nachwuchs und Fortleben sicherstellen könnte. Der Preis wäre eine zwangsläufige Einschränkung seiner bisherigen Freiheiten und die Versuchung, Macht einzusetzen, um den Grad der verbleibenden Freiheiten zu seinen Gunsten zu beeinflussen. In einem solchen einfachsten Menschheitsmodell wäre es möglich, mit Hilfe von Macht den Grad der eigenen Freiheiten entweder als Patriarchat auf den Mann oder als Matriarchat auf die Frau zu verlagern, es sei denn, man verabredete die Gleichberechtigung von Mann und Frau mit allen denkbaren Möglichkeiten, dies im Einzelfall wieder zu unterlaufen. Die Komplexität des Machtgefüges und der vorstellbaren wechselseitigen Freiheitsentzüge vervielfältigt sich mit der Einführung von Nachwuchs ins Gedankenmodell sowie dessen Ausfächerung in Sippen, Stämme, Völker und Rassen einer Welt, die wir in der Realität kennen. Die beschriebene Gesellschaft steht zusätzlich vor der Aufgabe, ihre gemeinsame Beute zu teilen und den die unmittelbaren Lebensbedürfnisse übersteigenden Teil als Eigentum vor dem Zugriff anderer zu schützen. Letzteres gilt besonders für diejenigen, denen es mit Hilfe ihrer Macht gelingt, die anderen durch Ausbeutung zu übervorteilen, um den eigenen Lebensstandard vom Minimum an Bleibe, Nahrung, Kleidung und Vergnügen über dessen Luxus-Ausprägungen bis hin zur Dekadenz zu steigern. Gier nach Macht endet viel zu oft in Gewaltbreitschaft, die bisher noch jede Erfindung vom simplen Jagdpfeil oder Spieß bis hin zur nuklear bestückten Rakete auf ihre machtpolitische Verwendbarkeit begutachtet.
 
Der Weg der skizzierten Gesellschaft würde mit Sicherheit in einer Anarchie von Mord und Totschlag enden, wenn es nicht gelänge, gesellschaftliche Verhaltensregeln einzuführen und zu akzeptieren, die das Chaos im Sinne einer gerecht empfundenen Begrenzung von Freiheit und Macht durch Pflichten ordnen und zukünftiges Leben ermöglichen. Es gilt, eine herrschende Ordnung zu errichten, die das "Du darfst" und das "Du darfst nicht" ihrer Mitglieder regelt. Neben Herrschaftsregeln, die das Zusammenleben der heute Lebenden ordnet, ordnen Regeln der Moral das Verhalten der Heutigen zum Schutz kommender, ungeborener Generationen. Natürliche genetische Vielfalt im Sinne einer ungehinderten evolutionären Weiterentwicklung der Menschheit ist das Ziel, wenn Ächtung von Inzucht, gleichgeschlechtlicher Liebe, Empfängnisverhütung und Abtreibung erfolgt oder ein Verbot des Ehebruchs neu geborenem Leben die Geborgenheit einer Familie sichern soll. Es schlägt die Stunde der Gebote und Tabus, die als Verhaltensregeln die ethischen Normen einer Gesellschaft reflektieren. Sie können von Religionen, Ideologien oder in Eigenregie der betroffenen Menschen verfasst werden. Der ethische Überbau einer Gesellschaft ergänzt sich in traditionell akzeptierten, gewaltsam durchgesetzten oder mehrheitlich beschlossenen gesetzlichen Regelungen der Verteilung von Macht und Eigentum im Gemeinwesen. Das ethische und weltliche Regelwerk ahndet Verstöße mit Strafandrohungen, deren Umsetzung ethische oder weltliche Richter mit Freispruch oder Freiheitsentzug im Gemeinwesen entscheiden. Die jeweilige Hölle des Strafvollzuges kann dabei im Jenseits oder im Diesseits angesiedelt sein. Beim irdischen Strafvollzug endet der Verstoß gegen die herrschende Ordnung in zeitweiligem, lebenslänglichem oder endgültigen Freiheitsentzug durch den Tod, wenn er nicht zuvor zu Folterqualen führt, die jenseitigen Höllenqualen in nichts nachstehen dürften.
 
Die Verhaltensregeln einer Begrenzung von Freiheit und Macht des Einzelnen zur Sicherung seines Lebens und der Zukunft seiner Art ändern sich mit dem technologischen Umfeld einer Gesellschaft.
 
Technologie erwächst aus dem Erkennen der Welt. Sie ersetzt Unwissen über die Welt durch Wissen über die Welt. Technologie überläßt die Welt nicht mehr allein dem Glauben an einen Schöpfer, sondern ermöglicht sie zunehmend im wachsenden Wissen um dessen Schöpfung zu formen. Damit wächst die Versuchung, es in der Erkenntnis der Zusammenhänge dieser Welt Gott schöpferisch gleich zu tun. Der nach dem Bild Gottes geschaffene Adam, der sich im Paradies nur durch seine Unwissenheit von Gott unterscheidet, wird durch den Biß in den Apfel der Erkenntnis zur Strafe aus dem Paradies zu Sterblichkeit verbannt. Im Diesseits angelangt, ist er der Versuchung ausgesetzt, der Kraft, die stets verneint, folgend, sein wachsendes Wissen gegen göttliche Gebote, die auf den Erhalt des Lebens ausgerichtet sind, einzusetzen. Widersteht er der Versuchung und folgt Gottes Geboten, kann er erst nach einer endlosen Generationenfolge mit der Erlösung im Jüngsten Gericht hoffen, wieder in die Unsterblichkeit Gottes aufgenommen zu werden. So wird für den Glauben der Erhalt und die Fortpflanzung des Lebens zwingende Voraussetzung für die Verheißung einer Wiedervereinigung des Menschen mit Gott. Dem Gläubigen offenbart sich ein unsichtbarer Gott in seiner Schöpfung. Dem Denkenden offenbart sich Gottes Schöpfung in deren Erkenntnis. Ungläubigen bleibt zumindest die Hoffnung, mit wachsender Erkenntnis bessere Menschen in einer bessere Welt zu schaffen. Technologie ist wertneutral. Sie kann ebenso nach Regeln der Moral Evolution schützen wie nach Regeln des Nutzens Revolution fördern. Das Ergebnis der jeweiligen Bewertung unterscheidet sich dramatisch.
 
Für die Moral entscheidet sich der Einsatz einer Technologie in der Wahl zwischen Gut und Böse und wird zur Frage eines auf das Miteinander ausgerichteten Gewissens. Für den Nutzen entscheidet sich der Einsatz einer Technologie in der Wahl zwischen Guten und Bösen im Gegeneinander von Freund und Feind. So kann Technologie menschliche Gesellschaften sowohl in der Kooperation wie in der Konfrontation stark beeinflussen. Ihre Weiterentwicklung verändert Lebensumstände, kann aber damit weder die Notwendigkeit einer bindenden Ethik, die das Fortbestehen der Menschheit sichert, überflüssig machen noch die hierarchische Schichtung von Gesellschaften verhindern.
 
Die hierarchische Schichtung der Naturvölker entsprach mit Seniorität traditionellen, bei Familien, Sippen und Stämmen üblichen Regeln, die auf von Generation zu Genration weiter gebaren Erfahrungen beruhen. Daraus entwickelten sich in der Antike hierarchisch gegliederte Herrschaftsstrukturen von Gottesstaaten, die sich im Mittelalter in ihre Pole Kirche und Staat zerfielen, um in der Säkularisation zunächst Kirchen und dann mit der Globalisierung Staaten als Herrschaftsform einer dynamisch vernetzten Welt in Frage zu stellen.
 
Der Überlebensraum der Menschheit hatte sich von Weide- und Jagdgründen über statische Landwirtschaft in Antike und Mittelalter durch die technologischen Möglichkeiten der Neuzeit zu einem mobilen, globalen Überlebensnetz gewandelt. Die Mechanisierung der Landwirtschaft setzte immer schneller die in den neu entstehenden Fabriken benötigten Arbeitskräfte frei. Rohstoffbasen gewannen an Bedeutung. Der Christianisierung der Welt folgte deren Kolonialisierung. Eine seit der Erfindung des Schwarzpulvers dramatisch erhöhte militärische Feuerkraft verlieh diesem weltweiten Ausbeutungs- und Eroberungsdrang zu Lande und zu Wasser den erforderliche Nachdruck. Die Geldwirtschaft begann, sich neben der Finanzierung von Handel und Kriegen auf die Finanzierung des technischen Fortschrittes zu konzentrieren. Die Verfügungsgewalt über Kapital hatte die Verfügungsgewalt über Land und Leute als Ausdruck gesellschaftlicher Macht zurückgedrängt. Geldadel begann, dem Landadel seinen Platz im Machtgefüge der Gesellschaft streitig zu machen. Die einfache Bevölkerung trafen die Folgen der Industrialisierung mit persönlicher Entwurzelung, dem Verlust des gewohnten Umfelds und zunehmender Verarmung, um erst später in wachsenden Wohlstand zu münden. Muskelkraft, Handwerk und angewandtes Denken verloren mit Motorisierung, Mechanisierung und nachfolgender Digitalisierung an Bedeutung, räumliche Grenzen und Entfernungen schrumpften mit neuen Gegebenheiten für Transport und Kommunikation.
 
Im Vergleich zum Stand der Antike hatte ein statisches, in sich geschlossenes Gesellschafts- und Weltbild des "finsteren" Mittelalters kein neues Wissen und damit kein neues Denken erfordert. Ein Seelenfrieden gewährendes Gebot des Glaubens an das Jenseits schützte seine Dogmen vor der Kritik des Denkens. Untertanen konnten es sich im Diesseits leisten, unwissend zu bleiben, da sich ihre Verhältnisse eh nicht änderten. Wachstum erfolgte durch gewaltsame Ausbreitung gleicher Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen in aller Welt, deren raumgreifende Entdeckung zunächst ohne Beschleunigung der Erkenntnisbasis fortschritt.
 
Das für Kirche, Staat und Bevölkerung unantastbare Dogma des Glaubens an das Paradies im Jenseits geriet ins Wanken, als Galileo in Weiterentwicklung antiker Astrologie die Struktur des real beobachteten Himmels in Abweichung von dogmatischen Himmelsvorstellungen der Kirche beschrieb und so einen Prozess begann, die Dogmen des Glaubens mit Erkenntnissen des Wissens zu konfrontieren. Als Ketzerei verfolgte Gedankenfreiheit setzte zunehmend neue, bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse frei, bis ein Descartes es schließlich wagen konnte, den Menschen nicht mehr als Gottes Geschöpf sondern aus sich selbst heraus zu definieren: "Cogito, ergo sum. Weil ich denke, bin ich".
 
In einer Auseinandersetzung mit den Folgen der Aufklärung interpretierte Papst Johannes Paul der II. das "Cogito, ergo sum" als den Beginn der Emanzipation des Menschen von Gott. Richtschnur für friedliches und zukunftsfähiges menschliches Zusammenleben waren nicht mehr göttlich vorgegebene Dogmen der Nächstenliebe, Richtschnur menschlichen Handelns wurde das Denkbare ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Folgen. Gut und Böse begannen nicht mehr religiös sondern ideologisch definiert zu werden. Die Ausschließlichkeit des Heils Gottes wich totalitären ideologischen Heilslehren, die im Namen des Fortschrittes buchstäblich über Leichen gingen. Unter dem republikanischen Schlachtruf "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" richtete die Französische Revolution unter Anhängern und Trägern der alten Ordnung ein Blutbad an, um einem blutigen totalitären Zeitgeist in einer neuen Ordnung Bahn zu brechen. Religion wurde gezwungen, Ideologien ihre tragende Rolle in der menschlichen Gesellschaft zu überlassen.
 
Traditionelle, Trost spendende seelische Bindung an die Religion erklärte ein Karl Marx zum Opium fürs Volk. Der Kommunismus wurde zur neuen totalitären Heilslehre der Massen und setzte unter dem Schlachtruf "Proletarier aller Länder vereinigt Euch" in der bolschewistischen Oktober-Revolution den diesmal proletarischen Kampf gegen adlige und kapitalistische Ausbeutung im zweiten revolutionären Blutbad der Neuzeit fort.
 
Die Vereinigten Staaten hatten den Übergang von einer am natürlichen Lebenszyklus der Jahreszeiten orientierten statischen Basistechnologie der menschlichen Gesellschaft, in der Muskelkraft der wesentliche Energieträger war, zur dynamischen Basistechnologie einer mechanisierten Welt am besten geschafft. Diese hatte inzwischen die Fähigkeit entwickelt, jeden Punkt der Erde in friedlicher oder kriegerischer Absicht physisch oder kommunikativ in kürzester Zeit und in zuvor für unmöglich gehaltenem Umfang zu erreichen. Das neue Gesellschaftssystem des globalen Austauschs von Menschen, Waren und Informationen setzte grenzenlose Freizügigkeit voraus und machte gleichzeitig Menschen, Waren und Information immer austauschbarer. Die traditionellen Gebietsverbände eines mit nachwachsender Energie der Muskelkraft nachhaltig wirtschaftenden Menschen mußten einer dynamischen Mobilität des mechanisierten globalen Wirtschaftens weichen. Die bisherigen Grenzen von Völkern, Staaten und Kulturen wurden in immer stärker erweiterten Freihandelszonen geschliffen, um grenzenlose Handlungsfreiheit globaler Lenker in weltumspannenden Unternehmen zu ermöglichen. Das Gesetz der Massenproduktion erforderte massenhaften Absatz bei massenhaftem Transport über alle Grenzen, was Angleichen des Geschmacks und der materiellen Sehnsüchte global standardisierter Konsumenten voraussetzte. Revolutionärer Widerstand gegen empfundenen Konsumterror einer übermächtigen globalen Wirtschaftsstruktur erwuchs im mörderischen Gegenterror von in ihrem weltanschaulichen Selbstverständnis Unterlegenen. Ein elitärer kleiner Kreis der wahren Machthaber, die hinter den Kulissen einer globalen Welt deren Früchte unter sich aufteilten, begann sich berechtigt Sorge um die Wirksamkeit seines atomaren Abschreckungsmonopols gegenüber einem global mit Aufruhr drohenden Sklavenheer zu machen. Für das fügsame gemeine Volk verblieb der Parlamentarismus in an sich überflüssig gewordenen Staaten. Diese verwalteten nur noch austauschbar gewordene Konsumenten, deren unmittelbares menschliches Schicksal und Zukunft die Verantwortlichen im Hintergrund kaum noch interessierte. Friede und Freiheit erschöpften sich im reibungslosen Konsum, der sich zur neuen totalitären Heilslehre emporgeschwungen hatte.
 
Als Paradox hatte sich die Mühsal des täglichen Lebens in vielen Teilen der Welt verringert, das Konfliktpotential in der überschaubar gewordenen Welt aber dramatisch verschärft.
 
Die Stabilität der alten Gesellschaftsordnungen beruhte nicht unerheblich auf einem auf das Jenseits ausgerichteten Seelenheil, das die Qualen des Diesseits zu ertragen half. Gut und Böse definierten sich im Menschen, dessen Gewissen aufgerufen war, die moralische Auswahl im irdischen Handeln an den Chancen auf Erlösung im himmlischen Paradies zu orientieren. Der Aufstand des Wissens gegen den Glauben, der die Dynamisierung der Gesellschaft auslöste, lenkte den gesellschaftlichen Fokus wieder stärker vom Gut und Böse in jedem Menschen zu den jeweils neu definierten Guten und Bösen in der Gesellschaft. Der Kampf zwischen stabilen Gesellschaften ähnlicher Grundausrichtung wurde zum Umsturzversuch unterschiedlicher Ausrichtungen innerhalb der Gesellschaft. In der ideologisierten Moderne wurde es üblich, zwischen Guten und Bösen zu unterscheiden und die Bösen einer irdischen Hölle zuzuführen, statt jedem Menschen ein inneres Gut und Böse zuzugestehen und sündhaften Verstöße gegen die Moral Buße und jenseitige Erlösung folgen zu lassen. Die Selektionen von gutem, lebenswertem Leben konnten ebenso an der Rampe von Auschwitz wie in den verfeinerten Analysetechniken heutiger selektiver Abtreibung stattfinden. Die Wahrheit des Glaubens und die ihr historisch folgende Wahrheit des Wissens wichen der Wahrheit der parlamentarischen Mehrheiten: richtig und legal war, was mehrheitlich beschlossen wurde. Und weil das so wahr, begannen Interessenverbände Parlamentarier mit allen nur denkbaren Mitteln dazu zu bringen, dasjenige mehrheitlich zu beschließen, was im Sinne von Partikularinteressen und nicht im Sinne der Gesamtheit beschlossen werden sollte. Ethische Grundeinstellungen wurden zum Spielball einer Political Correctness der jeweils wahren Herren im Hintergrund.
 
Von Interessengruppen gesteuerte parlamentarische Zufallsmehrheiten erwiesen sich ohne unverrückbare ethische Tabus nicht mehr in der Lage, die Legitimation lebensfeindlichen Verhaltens zu verhindern. Selbst wenn eine Verfassung die Würde des Menschen und damit sein Leben für unantastbar erklärte, war damit nicht ausgeschlossen, daß ungeborenes Leben nach unterschiedlichsten Kriterien in wünschenswert und unerwünscht selektiert wurde, um dann das unerwünschte Leben willkürlicher Vernichtung zuzuführen. Gleiches galt für Überlegungen zur aktive Sterbehilfe, deren konkrete Ausgestaltung der Willkür parlamentarischer Zufallsmehrheiten unterliegt. Als Abhilfe hätte die verfassungsmäßig garantierte Würde des Menschen durch ein unumstößliches Recht auf Leben ab der Zeugung und der Pflicht zum Leben bis zum natürlichen Tod ergänzt werden müssen. Nur so wären willkürliche Manipulationen des Lebens zwischen Zeugung, Geburt und Tod mit unabsehbaren Folgen für die Evolution der künftigen Menschheit auszuschließen. Das aber war in einer säkularisierten Welt der divergierenden Interessen im parlamentarischen Konsens unmöglich geworden. Ein von Ethik befreiter Parlamentarismus erwies sich menschenfeindlichen Angriffen gegenüber hilflos. Die Abwendung vom allein selig machenden himmlischen Heil des Glaubens, das Eingriffe in die natürliche Entwicklung der Menschheit unter das Tabu des "Du sollst nicht töten" stellte, hatte einen gewaltigen Raubau an den seelischen, geistigen, kulturellen und natürlichen Ressourcen der Menschheit Tür und Tor geöffnet.
 
Wie soll es in einer Welt weitergehen, die inzwischen die Last eines immer unübersichtlichen Überlebenskampfes von den stabilen Schultern des gemeinschaftlichen Wir auf die schwachen Schultern einer Eigenvorsorge des vereinsamten Ich verlagert, einer Welt, die mit immer stärkerer Mobilität und weltweiter Kommunikation Halt gewährendes Gemeinschaftsgefühl der von religiösen und weltanschaulichen Weltbildern geprägten Völker und bisherigen Staaten zunehmend in Frage stellt ?
 
Ein Jürgen Habermas plädiert für Toleranz als Schlüsseltugend demokratischen Zusammenlebens. Er erkennt an, daß Glaubens- Überzeugungen nicht nach Maßgabe demokratischer Spielregeln "diskutabel" sind. Wer einem ganzheitlichen Weltbild lebt, kann andere Weltbilder nur als falsch ansehen. Ein Zusammenleben unterschiedlicher Überzeugungen in einem gemeinsamen Gemeinwesen ist nur im Konsens einer Toleranz der "vernünftigen Nichtübereinstimmung" denkbar. Sie muss die Dissonanz der eigenen Lebensführung mit der allgemeinen politischen Doktrin in einer Zumutung bewältigen: ich habe hinzunehmen, was mir fremd, ja zuwider ist. Die Bürde liegt nicht in einer Relativierung der eigenen Überzeugungen, sondern in der Einschränkung ihrer praktischen Wirksamkeit. Roman Herzog formuliert ähnliche Positionen, wenn er feststellt, daß Freiheit die Freiheit des Unterschiedes ist, Zwietracht zugelassen werden muss, um Fortschritt zu ermöglichen und freie Menschen keine gleichen Menschen sein können.
 
Das skizzierte Toleranzverständnis von Habermas ist sicherlich kompatibel mit vielen Anforderungen, die eine immer stärker dynamisierte Basistechnologie an unsere Gesellschaft stellt. Toleranz ruft zu Ruhe und Ordnung in einer sich schnell wandelnden Welt auf, unterzieht aber deren globale Herrschaftseliten nicht einer bindenden ethischen Norm, die den Fortbestand der Menschheit garantieren könnte. Die Versuchung wird groß, auch Toleranz als neues Opium fürs Volk zu diskreditieren, zumal die Frage nach dem Umgang mit Intoleranz auch bei Habermas offen bleibt. Ein Josef Ratzinger sieht die Geltung eines ethischen Dogmas, das menschliches Verhalten an den Erfordernissen von Frieden und Zukunft der Menschheit ausrichtet, vom Relativismus der Toleranz bedroht. Wie der Kirchenkritiker Kung möchte er in Zusammenarbeit mit den Weltkirchen ein dogmatisches Weltethos für eine globale Welt erarbeiten, daß deren göttliche Kernaussagen bündelt, ohne die spezifischen Glaubensdogmen der Einzelkirchen zu verleugnen. Die viel beachtete Diskussion zwischen Habermas und Ratzinger, als der noch nicht Papst war, zeigen, daß sich die Dinge aufeinander zu bewegen. Der Reparaturbedarf ergibt sich aus dem Fehlen einer gemeinsamen, die Menschheit zum Wir verpflichtenden Moral, ohne die zukunftsfähiges menschliches Zusammenleben nicht möglich ist : die liberale, säkularisierte Gesellschaft ist in Gefahr, ihres obersten Wertes verlustig zu gehen, des Schutzes des Lebens. Sie verlor die Fähigkeit, einen beständigen Sinn des Lebens aus sich selbst heraus zu begründen.
 
Die Kernfrage, vor der die Menschheit immer stand, bleibt offen : bringt eine noch stärkere Beschleunigung der Evolution durch riskante Eingriff in die Schöpfung die Menschheit weiter oder führt sie uns oder unsere Nachkommen möglicherweise in einen vorzeitigen Untergang? Was also sind die Folgen des Essens vom Apfel der Erkenntnis, die uns aus dem Paradies vertrieb?
 
Seit dem Urknall bewegen sich das Universum, die Welt, der einzelne Mensch und die Menschheit einem unbekannten Ende ihres Schicksals zu. Die Bibel beschreibt es als das Ende aller Zeiten im Jüngsten Gericht. Der Weg dorthin bietet dem Menschen alle Freiheiten, jederzeit die Richtung zu ändern, langsamer oder schneller, ja selbst zurück zu gehen oder gar dem Stillstand zu frönen. Das ist das Privileg der Freiheit, die ein Descartes im Denken, ein Luther in der Freiheit des Christenmenschen fand. Das vorgegebene schicksalhafte Ende eines Weges, dessen Verlauf sich aus dem Zusammenspiel Milliarden facher Zufälle der Evolution ergibt, kann aber auch sie nicht ändern.
 
Auf einem Weg ins Unbekannte empfiehlt sich ein Kompass. Wer Richtung sucht, dreht den Kompass, nicht seine Nadel. Unsere ethische Kompass Nadel ist unverrückbar auf das Wir im Heute und das Morgen künftiger Generationen ausgerichtet. Sie ist der verläßliche, weil unverrückbare Maßstab unseres Handelns. Wer den Maßstab von Wir auf Ich oder von Morgen auf Heute verrückt, versucht vergebens dem Lauf der Zeiten zu entgehen. Eine Welt von Verrückten gelingt es lediglich, das Normale zum Verrückten, das Widernatürliche zum Natürlichen zu erklären. Mit steigendem Wissen um die Welt wächst die Bedeutung unseres Gewissens als Kompass, der das Leben über die Zeiten bewahrt.
 
Wer einem Leben ohne Moral folgt, das zu führen unsere Freiheit ebenfalls ermöglicht, verhält sich heutigen Menschen und zukünftigem Leben gegenüber feindlich. Insbesondere Manipulationen am ungeborenen Leben münden in nicht akzeptablen Freiheitsentzug für nachfolgende Generationen. Es bedarf keines Bruches mit lebensbejahenden Traditionen, wenn diese nicht der Anbetung der Asche, sondern der Weitergabe des Feuers dienen. Aber auch Traditionen entwickeln sich. Sie stellen als Zivilisation stets zeitlich begrenzte Vergewaltigung der Vielfalt individueller Persönlichkeit durch gesellschaftliche Zwänge der jeweiligen Herrschaft über die Anonymität der Masse dar. Zivilisationsbrüche sind Folge der Vergänglichkeit von Herrschaft und deren Anpassung an den Fortschritt eines sich immerfort wandelnden Lebens auf unserer Erde.
 
Dabei kann der Sinn des Lebens nur im Überleben des Lebens, nicht in seinem Untergang liegen. Was uns weiter bringt, ist langfristig angelegter, schöpferischer Aufbau, nicht kurzfristig erfolgreicher, zerstörerischer Raubbau. Kurz ist weniger als lang. Wer kurzatmig nur hinter Wissen her jagt, das in immer kürzeren Abständen veraltet, vergibt die Chance, sich zu langfristig stabilisierender Weisheit durchzuringen. Wer im Rhythmus von Quartalsberichten gehetzt kurzfristig den monetären Risiken der Gegenwart zu entgehen trachtet, verliert den langfristigen unternehmerischen Blick für die Chancen einer erfolgreichen Zukunft. Wer nicht verweilt, um sich zu finden, verliert sich als schwankender Halm in der Kurzweil der Winde.
 
Ob himmlisches Paradies, der Marschall Stab im Tournister oder die Entdeckung der Geilheit im Geiz, schon immer bedurfte es wohl einer Fata Morgana des Glückes, um den Menschen seine Pflicht und Schuldigkeit für die jeweilige Gesellschaftsstruktur verrichten zu lassen. Schon immer sollte sein Geld zuvor im Kasten springen, bevor der Mensch sich Hoffnung auf verheißenes Glück machen durfte. Schon lange bevor der englische Begriff Concentration Camp in KZ und Guantanamo übersetzt wurde, war es üblich, Abtrünnige der jeweils herrschenden Verhältnisse hinzumorden oder zu verbannen. Nur daß das Rädchen, in dem man die Menschen laufen ließ, sich inzwischen immer schneller dreht. Aber das hat mit dynamichem Fortschritt zu tun. Also auch hier nichts Neues in der so sehr gepriesenen Moderne.
 
Freiheit kann nie grenzenlos sein. Vom Wollen beflügelt wird sie vom Müssen begrenzt. Totale Freiheit und totale Solidarität schließen einander aus. Auf die Freiheiten, die ich mir nehme, haben andere zu verzichten. Der tatsächliche Grad individueller und gesellschaftlicher Freiheit ergibt sich im täglichen Konflikt zwischen Rechten und Pflichten. Eigene Freiheit wird unsozial, wenn sie Ausbeutung Dritter bedingt. Eigene Solidarität macht unfrei, wenn sie zur eigenen Ausbeutung führt. In diesem Dilemma lebt die Welt seit Anbeginn und muß sich ständig fragen, wieviel Freiheit sie sich erlauben kann, wenn Freiheit zur Ausbeutung im Umkehrschluss Versklavung der Ausgebeuteten bedingt.
 
Das Menschenrecht auf Ich, auf dem Freiheit gründet, kann nicht ohne eine Menschenpflicht zum Wir gedeihen, ohne die es weder Gemeinschaft noch Zukunft gibt.
 
Dr. Hans G. Proffen
 
 
 
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